Hallo Frau Lang,

wie sind Technik und Interpretation bei Ihrem Unterricht verteilt? Gibt es da verschiedene Ansätze? Wie kann ich schnell dramatischere Arien singen? 

Vielen Dank!

Markus

     


  

Hallo Markus,

 

diese Frage ist nicht so klar zu beantworten. Der Anteil von „Technik“ und „Interpretation“ ist individuell angepasst an die individuelle „Verfassung“ und  das „Bedürfnis“ jedes einzelnen Sängers in der jeweiligen Situation. Hier gibt es verschiedene Szenarien:

·      Früher kamen die Sänger zu einem Gesangslehrer um die Technik zu lernen. Interpretation ist eine sehr persönliche Angelegenheit, die immer  damit verbunden ist, eine eigene Aussage zu machen. Gesangstechnik sollte meiner Meinung nach den Sänger befähigen, diese eigene Aussage mit allen Facetten zu gestalten. Deshalb ist für mich die Arbeit an der Gesangstechnik und deren stetige Verbesserung die Grundlage jeder sängerischen Arbeit. Ein Sängerleben lang! So haben meine Sängerlebensabschnitts-Lehrer Gertie Charlent, Ingrid Bjoner, Angelo Loforese und Adrian Baianu immer schwerpunktmäßig technisch mit mir gearbeitet.


·      Im Studium sieht das für mich bei meinem Unterricht praktisch so aus:

  • Einzelunterricht, der überwiegend technisch ausgerichtet ist; hier wird individuell an der Technik gearbeitet – in Übungen und mit Übertragung auf das Repertoire
  • Klassenstunden A:  Atemübungen, Mentaltechniken, „Sängergymnastik“, Klang-Entspannung, Repertoire-Kenntnis, Einsing-Strategien Theorie, Marketing-Strategien, Analysierendes „Sänger-Hören“ und vieles mehr.
  • Klassenstunden B: Interpretation, Vorsing-Training, Einsing-Strategien Praxis: welche Übungen wann warum wofür? – und die praktische Anwendung.


   

·  Grundlegend für ein stabiles Singen ist das Erlernen eines individuellen Vokalausgleichs. Mit den damit verbundenen „kurzen Wegen“, erspart man sich viel Mehraufwand an Bewegung und macht einen Registerausgleich möglich. So kann man einen guten Stimmsitz trainieren und auf die Dauer den Tonumfang individuell erweitern und stabilisieren. So kann sich das eigene Timbre (weiter-)entwickeln, das den Sänger unverwechselbar macht und ihn „seine“ Stimme, sein „richtiges“ Stimmfach und sein „adäquates“ Repertoire finden lässt. Dies war immer mein Ziel in meiner eigenen Arbeit an meiner Stimme: eine gesunde Stimme zu haben, die optimal ihre Ressourcen ausnutzt und so bis ins Alter „jung“ bleibt. Ich halte wenig davon, eine Stimme „aufzumachen“, „dramatisch werden zu lassen“, „dunkler, runder, lauter“  klingen zu lassen als sie von Natur aus ist. Solche Manipulationen sind meist anfällig und bescheren den meisten Sängern früher oder später Probleme, unruhige Tongebung bis hin zum Wackler oder einen Verlust an Spitzentönen. Es geht für mich immer um die Qualität, das Anpassen des Wollens an die körperlichen Voraussetzungen und um das optimale Ausschöpfen der eigenen Möglichkeiten.


·      Kommt ein Sänger, um eine bestimmte Partie zu arbeiten, liegt der Fokus auf der Erfassung der Eigenheiten eben dieser Partie und der persönlichen Umsetzung mit dem Ausleuchten aller möglichen Facetten, die ihm eine Offenheit für die zukünftige Arbeit mit Dirigenten und Regisseuren schafft. Der Sänger soll lernen, diese Analyse nach Anleitung selbst weiterzuführen und auf andere Rollen, Lieder, Arien zu übertragen. Meist gibt es bestimmte Töne oder Passagen, bei denen es „Schwierigkeiten“ gibt. Diese kann ich meist mit kleinen, angepassten technischen Übungen lösen.


·      Wenn es um eine „schnelle Lösung“, z.B. vor einem Vorsingen geht, arbeite ich ähnlich. Hier liegt der Fokus dann darauf, eine individuelle Aussage des jeweiligen Sängers zu ermöglichen, mit der er sich gut „verkaufen“ kann.


·      In Situationen, wo scheinbar „nichts mehr geht“, weil die Stimme nicht mehr kontrolliert werden kann, z.B. ein zu großes Vibrato entwickelt hat, die saubere Intonation Schwierigkeiten bereitet, hohe Töne nicht oder nur mit großer Anstrengung erzeugt werden können, deutlich sichtbare Verspannungen wie z.B. ein schiefer Mund oder ein ein Eigenleben entwickelnder Unterkiefer auftreten, gilt es zuerst einmal eine gute Anamnese zu erstellen und dann technische Übungen anzubieten, die gezielt die jeweilige Auffälligkeit bearbeiten. Es gilt jedoch immer Symptome auszuschließen, die einer ärztlichen Behandlung bedürfen. Bei z.B. Luft auf der Stimme empfiehlt es sich die Abklärung durch einen HNO-Arzt, bei Problemen im Hals-Bereich und massiven Kiefer-Verspannungen kann es hilfreich sein, einen Orthopäden zu konsultieren. Für mich gehört Krankheit in die Hände eines dafür ausgebildeten Spezialisten und Therapeuten. Sicher gibt es hier fließende Übergänge. Jedoch sollte jeder Sänger im Laufe seiner Karriere ein Gefühl dafür entwickeln, wie es um ihn bestellt ist und da ist es immer besser, gleich den Fachmann zu fragen. Ich habe es oft erlebt, dass Gesangslehrer manchmal jahrelang an einem Problem „rumgedoktort“ haben, das sich letztendlich mit zwei osteopathischen Sitzungen leicht beheben ließ.


·      Für mich steht jedoch die Ausbildung und Weiterentwicklung des Gesunden im Vordergrund. Beim Sänger im Beruf geht es mir darum, Lösungsansätze zu geben, quasi Hilfe zur Selbsthilfe. Dies geht eigentlich nur per Technik, weil es ja gilt, eine Verbesserung zu erreichen.

 

Herzliche Grüße

 

Ihre

 

Petra Lang