Sehr geehrte Frau Lang,

 

welches sind für Sie die Voraussetzungen für ein Gesang-Studium? Welche Ansätze haben Sie?

 

L.S.

 


 

Sehr geehrte Frau S.,

 

danke für Ihre Frage.

 

Beim Unterrichten geht es für mich in erster Linie um den Schüler bzw. Studenten. Es geht einerseits um die Vermittlung von Fähigkeiten und Wissen und auf der anderen Seite darum, die Ressourcen des Schülers optimal zu aktivieren, sein Singen so frei wie möglich zu machen und die Freude am Singen und Sing-Schau-Spielen zu fördern.

Für den Schüler oder den Hobbysänger kann dies schon ausreichen.

 

Bei der Ausbildung von professionellen Sängern lege ich auch einen professionellen Ansatz zu Grunde:

1.    Der Student und die Aktivierung seiner Möglichkeiten stehen im Vordergrund. Hier gilt es, auf jeden einzelnen Studenten angepasste, individuelle Arbeitsweisen, Erklärungen, Übungen zu finden, die ihn in seiner Entwicklung weiterbringen. Im Gegensatz zur „Laienausbildung“ ist die Erreichung einer größtmöglichen Selbstständigkeit und eines professionellen Niveaus der Darbietung jedes einzelnen Studenten ein wichtiger Punkt.

2.    Wichtig erscheint mir auch, ob der Studienanwärter reale Chancen hat, den Sängerberuf aktiv auszuüben. Das bedeutet die Beantwortung der Frage, ob die Voraussetzungen zu einer sängerischen Berufsausübung gegeben sind.

a.    Für die künstlerische Gesangsausbildung gilt die Berücksichtigung des Marktes für Opern- und Konzertsänger im Bereich Solo/Chor.

o  im Solo ist es z.B. für eine Soubrette schon ab Ende 20 schwer, Engagements zu finden. D.h. in diesem Alter ist u.U. schon ein Berufswechsel angesagt. Wenn eine Soubrette mit Mitte bis Ende 20 noch ein Aufbaustudium Gesang plant, sind die Chancen auf eine aktive Gesangskarriere vermutlich gering. Bei den lyrischen Fächern kann dies um die 40 der Fall sein. Ein Eintritt in einen Profi Chor kann in diesem Alter schon nicht mehr möglich sein. Es gibt keine Garantie, dass man singend das Rentenalter erreichen wird, weil es in einem optischen Bühnenberuf auch verstärkt um ein jugendliches Erscheinungsbild geht und eine belastbare Stimme benötigt wird. Hier kann es zu altersbedingten Einschränkungen kommen, die Engagements im Alter verhindern.

o  für eine Chorstelle ist eine große stimmliche Flexibilität, schnelles Lernen und sichere Beherrschung von Stimme und Sprache wichtig.

b.    Für die Ausbildung eines Gesangslehrers liegt für mich im sängerischen Bereich neben dem physiologischen Wissen und der Freude an „Stimmbildung“ ein Schwerpunkt auf einer Beherrschung von möglichst vielfältigen Stilen des E- und U - Bereichs.

c.    Eine Zukunft im Musikbusiness lässt sich schlecht planen und ist auch nicht vorhersagbar, da sie von vielen äußeren Parametern abhängig ist, die nicht nur in der Person des Musikers liegen. Als Musiker arbeitet man überwiegend freiberuflich und ohne Sicherheit. Dies gilt es meiner Meinung nach auch dem Studienanwärter aufzuzeigen. Wenn man Musik studiert, sollte man akzeptieren, dass man Zeit seines  Berufslebens u.U. im unteren Einkommensbereich arbeitet. Feste Anstellungen  an öffentlichen Musikschulen oder in professionellen Chören sind rar. So sollte sich jeder Student beantworten, ob seine Liebe zur Musik und sein Brennen für das Singen auch groß genug sind, um diese Perspektive zu tragen, einen lebenslangen Kampf um Engagements oder Schüler zu führen. Fakt ist, dass man mit anderen Studienabschlüssen leichter viel mehr Geld verdienen kann. Dies sollte jedem Musikstudenten klar sein.

d.    Stimmliche Gesundheit, mentale und körperliche Fitness scheinen mir für den Sängerberuf sehr wichtig.

e.    Im Gegensatz zum Instrumentalisten arbeitet der Sänger mit dem Wort. Hierzu ist ein Verständnis wichtig. Das bedeutet für mich, dass man sich auch Verständigen können muss. Das setzt die Beherrschung von Sprachen voraus. Das Repertoire wird überwiegend in den Sprachen Italienisch, Deutsch, Französisch, Russisch oder Tschechisch aufgeführt. Die Beherrschung der englischen Sprache kann für Proben und Verhandlungen sehr hilfreich sein. Akzentfreies Singen in Deutsch ist für die meisten Chorstellen die Mindestvoraussetzung. Meist wird jedoch bei Chören in Deutschland auch die einwandfreie Beherrschung der deutschen Sprache vorausgesetzt.

f.     Für die Ausbildung finde ich es jedoch unerlässlich, dass ich mit dem Studenten kommunizieren kann. Das kann auf Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch stattfinden. In einer dieser Sprachen sollte eine gute Sprachkompetenz vorhanden sein. Sprachkenntnisse sollten VOR Studienbeginn vorhanden sein um dem Unterricht in Haupt- und Nebenfächern gut folgen zu können. Erfahrungsgemäß sind die Studenten mit so viel Neuem konfrontiert, dass wenig Zeit bleibt, auch noch in kurzer Zeit nicht vorhandene Sprachkenntnisse während eines Studiums nachzuholen. An den meisten Musikausbildungs-Instituten ist meist mindestens der Sprachnachweis B1 – B2 bei Studienbeginn gefordert.

g.    Entscheidend ist für mich der Punkt, ob die sängerische Präsentation eine berufliche Zukunft erwarten lässt. Zum Zeitpunkt der Bewerbung zum Studium sollte erkennbar sein, dass eine künstlerische Aussage möglich ist  und dass sich eventuelle stimmliche und musikalische Defizite in einem bestimmten Zeitrahmen beseitigen lassen könnten.

h.    Instrumentalisten sind mindestens sehr fortgeschritten, wenn nicht schon Meister ihres Faches bei Studienbeginn, weil sie ihr Instrument schon lange Jahre spielen. Bei den Sängern verhält sich das meist anders. Man kann eine Gesangsausbildung eigentlich erst nach Abschluss der Wachstumsphase seriös beginnen. Durch diesen Umstand hat ein Sänger u.U. sehr viel nachzuholen bevor auch er selbst entscheiden kann, ob es für eine berufliche Zukunft als Sänger „reichen“ könnte oder ob das Singen ein schönes Hobby bleiben wird.

3.    Im Studium sollte der junge Sänger lernen, selbstständig  zu arbeiten, Repertoire und Wissen erwerben,  sich mindestens pädagogische Grundlagen aneignen und auf diesem Gebiet Erfahrung  sammeln und vor allen Dingen mit großer Freude zu singen und zu spielen, kurz: in seiner professionellen Entwicklung zum Sänger, Musiker und Lehrer so weit wie möglich zu kommen und seine Anlagen so gut wie möglich zu entwickeln.

4.    „Stimmbildung ist Menschenbildung“ – um mit der großen Gesangspädagogin Franziska Martienssen-Lohmann zu sprechen. Mit der menschlichen Reif-e (-ung) wird auch eine Entwicklung der interpretatorischen Aussage einhergehen. Die Persönlichkeit beeinflusst die stimmliche Entwicklung und umgekehrt. Ein spannender Prozess, der Motor sein kann für eine lange künstlerische Tätigkeit und befriedigende Karriere.

 

Herzlichst

 

Ihre

 

Petra Lang